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ESG – aktuelle Entwicklungen und Trends

Herr Professor Söhnholz, wie schätzen Sie aktuell die Entwicklung am europäischen Assetmanagement-Markt hinsichtlich ESG-Strategien ein ?

Sehr gut, aber es mangelt an Transparenz. Es ist kein Geheimnis mehr, dass sich Produkte mit ESG-Bezug sehr gut verkaufen. Deshalb werden immer mehr Geldanlageprodukte mit ESG-Label gestartet. Selbst für Profis ist die Analyse der vielfältigen Angebote aber nicht einfach. Die Sustainable-Investing-Kommission der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management – kurz DVFA – hat deshalb ein einfaches Tool veröffentlicht, das einen Produktvergleich ermöglicht. Mit dem kostenlosen Policies for Responsible Investment Scoring Concept, dem PRISC, können Anleger unkompliziert eine eigene Nachhaltigkeitspolitik festlegen. Anschließend können unterschiedliche Geldanlageprodukte im Hinblick auf die Vereinbarkeit mit dieser Politik beurteilt werden.

Wenn Anleger künftig gefragt werden müssen, ob sie nachhaltige Geldanlagen haben wollen, wird es einen weiteren Schub für den Markt geben.

Die Europäer fördern durch ihre Regulatorik zukünftig Investitionen in ESG-konforme Kapitalanlagen. Ist ESG ein europäischer Trend oder sind in anderen Teilen der Welt ähnliche Entwicklungen zu beobachten?

Das ist ein weltweiter Megatrend. In Großbritannien gibt es trotz Brexit ähnliche Entwicklungen. Auch in den USA gibt es stark zunehmende Geldflüsse in nachhaltige Anlagen, vor allem in ETFs. Das liegt dort aber nicht beziehungsweise nicht nur an erwarteten regulatorischen Änderungen. Auch US-amerikanische Produktanbieter verstehen, dass die Performance und das Risiko von ESG-Geldanlagen sehr attraktiv sein können. Außerdem kann man bei nachhaltigen Geldanlagen mit guten Geschichten werben. Manche Anbieter versuchen dabei, höhere Gebühren als bei traditionellen Anlagen durchzusetzen. Das macht die Produkte aus Anbietersicht besonders interessant.

In vielen westeuropäischen Ländern ist es bereits so, dass man institutionellen Anlegern nichtnachhaltige Anlegen nur noch relativ schwer verkaufen kann. Private Anbieter fragen bisher weltweit aber erst selten aktiv nach solchen Produkten. Das liegt vor allem daran, dass sie bisher oft sehr wenig oder sogar Falsches über solche Produkte gehört haben. In der Vergangenheit haben Anbieter kaum für nachhaltige Produkte geworben, weil sie nur wenige davon im Angebot hatten. Das ändert sich aber gerade erheblich.

ESG passiv oder aktiv am Kapitalmarkt spielen – was ergibt aus Ihrer Sicht mehr Sinn und warum?

Passiv. Aktive Manager behaupten, dass ESG-Anlagen so kompliziert sind, dass man sie gar nicht vernünftig in passiver Form anbieten kann. Kompliziert stimmt: ESG-Datensätze für Unternehmen enthalten teilweise mehr Daten als alle Finanzinformationen zusammen. Allerdings haben aktive ESG-Angebote meines Wissens bisher meistens eine Underperformance gegenüber passiven ESG-ETFs gehabt. Und das liegt nicht nur an den höheren Kosten für aktive Investments, denn auch traditionelle ETFs schneiden oft schlechter ab als vergleichbare nachhaltige ETFs.

Ein anderer Aspekt wird fast nie thematisiert: Aktive Manager nutzen meist viele Selektionskriterien wie Liquiditätskriterien, Faktoren et cetera für Wertpapiere, darunter neuerdings auch immer mehr ESG-Kriterien. Bei passiven ESG-Angeboten haben ESG-Kriterien aber meist einen höheren Einfluss auf die Wertpapierselektion als bei vergleichbaren aktiven Fonds. Passive Angebote sind deshalb typischerweise nachhaltiger als vergleichbare aktive Angebote. Ich selbst setze auf konsequent regelbasierte Angebote, für die strenge ESG- und teils auch Impactkriterien mitentscheidend sind.

Müssen ESG-Anleger auf Rendite verzichten oder höhere Risiken in Kauf nehmen, weil das Anlageuniversum eingeschränkter ist?

Nein. Es gibt ESG-Produkte, die dieselben Wertpapiere wie traditionelle Vergleichsprodukte nutzen und die Wertpapiere nur anders gewichten. Zudem nutzen Anbieter aller Geldanlageprodukte viele Kriterien, um ihr Anlageuniversum zu begrenzen, zum Beispiel Region, Branche, Kapitalisierung, Momentum und Bewertung. Solche Kriterien schränken das Anlageuniversum meist viel stärker ein als ESG-Kriterien.

Außerdem kann man statistisch zeigen, dass der Grenznutzen von Diversifikationen relativ schnell abnimmt. Ich biete ein globales Portfolio mit nur fünf Aktien mit einem besonders guten ESG-Profil an, das bisher eine sehr gute Rendite hatte. Mein globales Portfolio aus 30 Aktien, das ebenfalls fast nur nach ESG-Kriterien zusammengestellt ist und keine Einschränkungen in Bezug auf Länder, Branchen et cetera hat, zeigt sogar eine vergleichbare Rendite und ein vergleichbares Risiko wie ein traditioneller Weltaktienindex. Und ein Portfolio, das nur 30 internationale Aktien aus sogenannten Impactbranchen nutzt, läuft auch sehr gut.

Denken Sie, dass die zunehmende Nachfrage nach ESG-konformen Anlagen auch einen echten Impact auf die Realwirtschaft hat? Gibt es vielleicht sogar bereits Studien, die einen solchen Impact belegen?

Mittelfristig ja. Kurzfristig werden zumindest im liquiden Bereich nur Wertpapiere von einem an einen anderen Anleger verkauft. Wenn aber die Verkäufe auf Dauer ein größeres Volumen erreichen, hat das negative Auswirkungen auf Kurse, und Refinanzierungen werden teurer. Das ist nicht nur betriebswirtschaftliche Basislogik, sondern wird auch von aktuellen Studien untermauert. In Zeiten von nahezu unbeschränkten und fast kostenlosen Krediten kann es aber relativ lange dauern, bis es zu nennenswerten realen Auswirkungen kommt.

Es gibt Anbieter, die vor allem mit aktiven Stimmrechtsausübungen und persönlichem Engagement auf Unternehmensveränderungen hinwirken möchten. Davon halte ich nicht so viel. Selbst die größten Geldanleger konnten bisher nur bei relativ wenigen Unternehmen nennenswerte ESG-Veränderungen erreichen, wie aktuelle Analysen zeigen.

Ich investiere gar nicht erst in „schlechte“ Unternehmen und argumentiere lieber so: Wenn man nur ein beschränktes Volumen von Geldanlagen hat, warum sollte man sein Geld dann schlechten Wertpapieremittenten geben, wenn es doch genug bessere gibt?

Worin besteht Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen ESG- und Impactinvestitionen?

Bei ESG-Anlagen wird darauf geachtet, dass ein Wertpapier beziehungsweise dessen Emittent nach Umwelt-, Sozial- oder auch Unternehmensführungskriterien gut aufgestellt ist. Theoretisch kann das auch auf einen Streubombenhersteller zutreffen.

Bei Impactanlagen sollte auf eine positive Wirkung im Sinne mindestens eines der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Natio-nen geachtet werden, also der Sustainable Development Goals, meist kurz: SDG. Nach Ansicht mancher Geldanlageanbieter kann das auch ein Ölkonzern sein, der angekündigt hat, dass er seinen Kohlendioxidfußabdruck verringern will. Strengere Produktanbieter nehmen dagegen aus dem Energiesektor nur reine Produzenten von erneuerbaren Energien ins Portfolio.

Allen Anlegern sollte aber klar sein, dass „100 Prozent gut“ nicht geht. Auch ein Windenergieproduzent verbraucht Rohstoffe, zum Beispiel in Form von umweltschädlichem Zement, nutzt Land und stellt eine Gefahr für Vögel und vielleicht sogar eine gesundheitliche Beeinträchtigung für Anwohner dar. Sogar Entwicklungshilfe und einige Spenden haben nicht immer nur einen hundertprozentig guten Impact. Ich selbst lege mein Geld aber viel lieber in Impactaktien mit guten ESG-Profilen an, als es Banken für traditionelle Kredite und andere Aktivitäten zur Verfügung zu stellen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Marcel Reyers vom Netzwerk der Finanz- und Erbschaftsplaner e.V.

Prof. Dr. Dirk Söhnholz, Honorarprofessor an der Universität Leipzig, Geschäftsführer der Diversifikator GmbH